Stolperstein für Paul Winzen
Dortmunder Freidenker-Jugend im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir verlegt. Finanziert werden die Stolpersteine durch Spenden, Sammlungen und Patenschaften von einzelnen Bürgern, Zeitzeugen, Schulklassen, Berufsgruppen und Kommunen.Am 06. Februar 2007 wurde ein Stolperstein für den Freidenker Paul Winzen gelegt. Die Patenschaft hat der Humanistische Verband NRW übernommen. Wir erinnern an Paul Winzen und weitere Mitglieder der Freidenker-Jugend, die eine Vorläufer-Organisation der Jungen Humanisten (JuHu’s) war, die so mutig Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft geleistet haben. Die Gruppe war eine spezifische Dortmunder Widerstandsorganisation. Gründer, Leiter und organisatorischer Kopf war Paul Winzen. Als 17jähriger trat er in die Freidenkerjugend ein und scharte bald einen Kreis Gleichgesinnter um sich. Man
besuchte gemeinsam Theaterstücke, Ausstellungen, Bibliotheken, bildete Diskussionszirkel und es wurde viel gemeinsam gelesen und wurden Textanalysen erarbeitet. Der Marxismus wurde als allgemeine weltanschauliche Ba
sis im Hinblick auf eine humanistische Gesellschaftsordnung akzeptiert. Das Modell des sowjetischen Kommunismus lehnten sie ebenso ab wie die praktische Politik der Sozialdemokratie. Ansätze einer neuen sozialistischen Theorie wurden von Winzen entwickelt.In den Jahren nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten traf sich die Gruppe illegal in verschiedenen Wohnungen; der „Freie Wanderbund“ wurde zur Tarnung gegründet; es wurden Flugblätter gegen den Nationalsozialismus gedruckt und verteilt und ausländische Rundfunksender abgehört.In der Zeit von Juni bis August 1940 wurden sämtliche Mitglieder der Gruppe festgenommen. Ein Spitzel hatte sich in die Gruppe eingeschlichen. Am 07. Juni 1941 verhängte der 1. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm gegen vierzehn Angehörige der Winzen-Gruppe sehr hohe Zuchthausstrafen. Der Prozess gegen Paul Winzen, Josef Kasel und Franz Becker fand am 21. Februar 1942 in Berlin vor dem Volksgerichtshof statt. Paul Winzen und Josef Kasel wurden wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ in Verbindung mit „Vorbereitung zum Hochverrat“, im Fall Winzen noch in Verbindung mit einen „Rundfunkverbrechen“, zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 12. Juni 1942 in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Franz Becker als dritter Angeklagter vor dem Volksgerichtshof wurde mit 10 Jahren Zuchthaus bestraft, kam aber 1943 in das KZ Mauthausen, wo er am 01. April 1944 ermordet wurde.Hilde Schimschok war ebenfalls Mitglied der Gruppe „Neuer Sozialismus“ um Paul Winzen. Ihr Leben war tief von einem arbeiterkulturellen Milieus beeinflusst. Ablehnung bestimmte ihr Verhalten gegenüber dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem und den damit einhergehenden Alltagsritualen. Nach der Enttarnung der Gruppe wurde sie vor dem 1. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung der Strafzeit weiter gefangen gehalten. In einer eindrucksvollen Video-Dokumentation der Landeszentrale für politische Bildung schildert Hilde Schimschok, die bis zu ihrem Tod Mitglied des Humanistischen Verbandes war, die Aktivitäten und Widerstandsarbeit der Winzen-Gruppe und ihre langjährige Haftzeit. In der Nachkriegszeit war Hilde Schimschok für die SPD im Rat der Stadt Dortmund. Von 1965 bis 1976 saß sie als Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Ein weiteres bekanntes Mitglied der Winzen-Gruppe war der spätere Dezernent der Stadt – Siegfried Drupp. Drupp wurde ebenfalls verurteilt und wurde jedoch zur Bewährungseinheit 999 eingezogen, die er tatsächlich überlebt hat.In der Ausstellung „Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933 – 1945“ im ehemaligen Gestapogefängnis „Steinwache“ ist ein ganzes Kapitel über den Widerstand der Freidenkerjugend angelegt. Der Besuch der „Steinwache“ gehört in jedem Jahr zum Vorbereitungsprogramm unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Humanistischen Jugendfeier.
Dieter Grützner
Wenn man sich heute die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache ansieht, findet man dort einen eigenen Abschnitt, einen eigenen Raum: Die Winzen-Gruppe. Das Thema Winzen-Gruppe kann man auch heute noch als nur oberflächlich erforscht ansehen. Eine Anregung: Hier könnten junge Historiker noch ein dankbares Forschungsfeld auftun. Feststellen muss ich auch, dass man wenn man in diesem Zusammenhang von Widerstand spricht, eigentlich mit dem Begriff Gruppe falsch liegt. Der Begriff Netzwerk oder Bewegung würde auf die Personen und Geschehnisse besser passen. Noch einmal zurück zu den Strukturen. Soweit ich den Unterlagen entnehmen kann, entwickelte sich die Gruppe oder sollte man vielleicht besser den Plural benutzen, ursprünglich ohne den Namensgeben Paul Winzen. Es waren eigentlich Schüler und Nachbarschafts-Kindergruppen die ohne eigenständigen organisatorischen Zusammenhang agierten. Man lebte, spielte und lernte miteinander. Dieses Miteinander fand aber in einem bestimmten Milieu statt, auf dem Hintergrund der sozialistischen Arbeiterbewegung in den 20er Jahren. Sozialdemokratie, Sozialismus, Kommunismus; das war nicht nur Parteipolitik, das war ein Lebensstil eine eigenständige Kultur. Es wurde nicht nur politisch agiert, sondern auch versucht, eine eigene Arbeiterkultur zu leben und die menschlichen Bedürfnisse dort zu befriedigen. Wie bereits erwähnt...Organisationen aufzählen. Und es gab auch Organisationen, die sich mit den Sinnfragen, den Sinn des Lebens, dem eigenen Glauben und den Religionen beschäftigten. Zu diesen Organisationen gehörten die Freireligiösen, Freigeister, Dissidenten, die Freidenker. Es gab dabei die unterschiedlichsten Gemeinschaften, Vereine und Verbände. Die Organisationsgeschichte soll hier nicht nachvollzogen werden. Ich verweise nur auf das Buch mit dem Titel „Die Dissidenten“, das der jetzige Vorsitzende des HVD verfasst hat. Immerhin kristallisierten sich einige als Großverbände heraus, wie die proletarischen Freidenker und die Freidenker für Feuerbestattung. Gerade in der Zeit der frühen 20er hatten diese Vereinigungen einen erheblichen Zulauf. Die Verquickung von Kirchen und Staat war im Deutschen Reich erheblich und hatten in die Katastrophe des ersten Weltkriegs gemündet. Eine große Zahl desillusionierter und verstörter Männer kam aus den Krieg 1918 zurück. Die etablierten Kirchen konnten Ihnen keine Antworten für verlorene Jahre, Gesundheit undIdeale geben. Viele Familien wandten sich von den Kirchen ab und suchten andere Wege. Und es waren Kinder aus solchen Familien, die später den Kern der Winzen-Gruppe bildeten. Nehmen wir den Vater von Paul Winzen. Parteipolitisch – erst SPD, dann KPD. Später hauptsächlich in der Freidenkerbewegung und in der 1928 in Dortmund gegründeten dissidentischen Fürsorge aktiv. Bis zur Auflösung 1935 Mitglied der freireligiösen Gemeinde. Ein weitere Aspekt – die „Freien Schulen“. 1918 wurde für kurze Zeit der Leiter der freireligiösen Gemeinde Berlin Adolf Hoffmann – genannt 10 Gebote Hoffmann – für kurze Zeit für die USPD Kultusminister. In seiner kurzen Amtszeit beendete er die bis dahin geltende Schulaufsicht durch die Pfarrer und legte zumindest den Grundstein für die Möglichkeit nichtkonfessionelle Schulen einzurichten. Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Winzen-Kerntruppe die konfessionsfreien Sammelklasse, die Freien Schulen besuchten. Auffallend ist auch, dass das Schulniveau relativ hoch war. Mit Paul Winzen und Heinz Lampe findet man Schüler dieser Schulform in der Aufbauschule in Herdecke. Das als Grundlage!! Soweit erkennbar bildete Paul Winzen keine Gruppe, sondern fand bereits informelle Gruppen vor, die er ansprach und dann formierte bzw. in den institutionellen Rahmen der Freidenkerjugend einbrachte. Wenn ich mir die diversen Kurzbiographien von ihm ansehe, wurde er selbst erst 1928 Mitglied der Freidenkerjugend, war schon bald Vorsitzender und erweiterte die Organisation dadurch, dass er an bereits bestehende Gruppen oder Cliquen herantrat. Die Phase der Freidenkerjugend währte bis 1932. Paul Winzen sah wohl die Gefahr des heraufkommenden Nationalsozialismus und er erkannte, dass der Zusammenhalt seiner Organisation mit so offensichtlichen Strukturen und angelehnt an die sozialistische Arbeiterbewegung - mit den Nazis an der Macht - keine Überlebenschance haben würde. So muss davon ausgegangen werden, dass die Gründung des „Freien Wanderbundes“ eine reine Vorsichts- und Tarnmaßnahme war. Soweit feststellbar war er auch nicht dessen Vorsitzender, sondern Emil Koch. Paul Winzen, inzwischen öffentlich bekannter Jugendfunktionär, hätte in führender Funktion den Bund nur gefährdet. Aus der ersten Zeit des Nationalsozialismus ist über Widerstandsaktivitäten kaum etwas bekannt. Es sollen Flugblätter erstellt und verteilt worden sein. Diese sind jedoch nicht überliefert. (Immerhin hatte Paul Winzen von 1934 bis 1937 einen Schreibwarenladen in der Ikegasse. Dies dürfte die gefährliche Materialbeschaffung erleichtert haben.) Er bemühte sich wohl hauptsächlich, den Zusammenhang unter seinen Freunden zu wahren, die eigene Integrität und Unabhängigkeit zu erhalten und sich nicht von dem totalen System einvernehmen zu lassen. Sie ist aber wohl auch eine Zeit des eigenen Denkens, der Vorbereitung auf ein mögliches Ende des Nationalsozialismus und der theoretischen Entwürfe. Dazu bedurfte es wohl einigen Aufwandes um die räumlich auseinanderdriftenden Mitglieder des Freundeskreises zusammenzuhalten. Die Geschichte der „Winzen-Gruppe“ als aktive nach außen agierende Widerstandsgruppe erstreckt sich, wenn man Hilde Schimschok folgt, nur über einen sehr kurzen Zeitraum von wenigen Monaten. Sie wurde im Februar 1940 von Winzen über die Erweiterung des Kreises verständigt. Sie selbst hatte daran Zweifel, stellte diese aber zurück. Wahrscheinlich ist aber die Diskussion über die Außenwirkung im Dortmunder Zirkel schon längere Zeit gelaufen. Aus den Verfahren und Verfahrensunterlagen geht hervor, das der Kreis der Verdächtigen insbesondere bei der Wehrmacht höher war, als die Zahl der Verhafteten. Neben den Verfahren gegen Winzen, Kasel und Becker vor dem Volksgerichtshof und dem Verfahren gegen die 14 Personen der Kerntruppe vor dem OLG in Hamm gab es zumindest noch zwei weitere Prozesse, die sich gegen angeworbene bzw. später hinzugestoßene Personen richteten. Der von Kasel angeworbene Uffz. Werner Engel wurde vom Reichskriegsgericht zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wann der Prozess vor dem OLG Hamm gegen Padberg, Neukötter und Kriegeskorte stattfand, konnte ich bisher nicht ermitteln. Die Anklageschrift stammt aus dem November 1941. Bei Schabrod wird dieser Prozess nicht aufgeführt. Die Hauptquelle über die Tätigkeit der Gruppe sind heute die Gerichtsunterlagen. Die Folgen der Verfahren sind den meisten hier wohl bekannt. Paul Winzen und Jupp Kasel wurden vom VGH zum Todes verurteilt. Beide wurden am 12.6.1942 in Plötzensee enthauptet. Becker, der dritte Angeklagte, erhielt 10 Jahre Zuchthaus und kam 1944 in Mauthausen um.
Die 14 Angeklagten der Kerngruppe erhielten zusammen 40 Jahre Zuchthaus.
Dieter Knippschild



