Zur Formalisierung von Ritualen und Entritualisierung von Bestattungsfeiern
La Montanara - wir spielten es für Marion. Marion war eine passionierte Skiläuferin, die jede freie Minute in den Bergen verbrachte. Als sie starb, haben ihre Freunde mit der Trauerfeier ihr Leben in ganz besonderer Weise nachklingen lassen:
Marion lag in einem schlichten Brückensarg, dessen Wölbung mit etwas Fantasie als Abfahrtspiste betrachtet werden, aber auch für das Auf und Ab des Lebens stehen kann. Die Sargdecke aus weißen Alpenveilchen und so genanntem Gärtnertod, blauem Rittersporn, Koniferen, Blautanne und immergrünen Ranken stellte die Landschaft dar, die Marion so liebte. Ihre Skistöcke waren darin eingearbeitet. Skier und Skistiefel standen an einer Blumenampel, deren weiße Chrysanthemenköpfe tief herab hingen und an schneebedeckte Berghänge erinnerten. Statt schwerer Kandelaber wurden viele Teelichte auf dem Sarg und um ihn herum verteilt.
Eine großformatige Fotocollage mit Bildern von Marion - bei der Abfahrt, beim Langlauf, auf dem Snowboard, in gemütlicher Runde bei Jagatee und Glühwein - war hinter dem Sarg angebracht. Der Sarg selbst stand inmitten der Trauergäste, als Zeichen dafür, das der Tod zum Leben gehört. Auch sollte Marion nicht abseits stehen, isoliert von ihren Freunden, die ja gekommen waren, um von ihr Abschied zu nehmen, sich in der Gemeinschaft geborgen zu fühlen und sich so miteinander zu trösten.
Nach einer kurzen Ansprache erzählte jeder Anwesende selbst eine kleine Geschichte über gemeinsam Erlebtes und Erfahrenes, erinnerte sich ihrer Lebensfreude und ihres Frohsinns, aber auch ihrer Sorgen und traurigen Momente. Es wurde über alles gesprochen, auch über Enttäuschungen. Briefe und Tagebucheintragungen wurden gelesen, ein paar Fotos, vergilbte Eintrittskarten mitgebracht - Mosaiksteine eines Menschenlebens, ein Kaleidoskop, das Marion noch mal aufleben ließ, ihre Lebenseinstellungen nahe brachte, bestehende Missverständnisse klärte, Eindrücke vertiefte. Dabei kamen sich Menschen näher, die sich vorher nicht kannten, die aber, dadurch dass sie mit Marion verbunden waren, wenn auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten, ein gewisses Gefühl von Zusammengehörigkeit spürten. Marions Lieblingsmusik wurde gespielt und in Erinnerung an die vielen schönen Stunden mit ihr in urigen Skihütten trank man zum Abschied - natürlich - ein Glas Jagatee.
Der Raum war dekoriert mit hundert gasgefüllten weißen Luftballons. Anstelle eines Kondolenzbuches lagen kleine Zettelchen aus, auf die jeder Gast einen Gedanken, einen Abschiedsgruß, eine bleibende Erinnerung oder auch einen Wunsch schrieb. Diesen Zettel befestigte er dann an einem Luftballon. Am Grab ließ man die Ballons in die Lüfte empor steigen, als gemeinsame Handlung, als Symbol des Loslassenmüssens.
Statt Erde wurden weiße Blütenblätter übers Grab gestreut. Als Erinnerung an die Feier nahm jeder Gast ein gestaltetes Programmheft mit nach Hause. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wo diese Zeremonie statt fand. In welcher städtischen Feierhalle man die Erlaubnis für das Umstellen des Mobiliars hatte, Zeit für das Füllen von hundert Luftballons und die aufwendige Dekoration? Wo man die Muße hatte, nach der Rede Erinnerungen auszutauschen, ohne dabei mit Blick auf die Uhr zu wissen, dass mit jeder begonnenen halben Stunde wieder 300 EUR fällig werden?
Diese eben beschriebene Feier war eine fiktive Feier, inszeniert vom Humanistischen Verband auf Einladung eines Bestattungsunternehmens anlässlich der Eröffnung seines Hauses der Begegnung. Wir haben in dieser Fiktion umgesetzt, was wir uns beim letzten Adieu für einen jeden Menschen wünschen: Eine Abschiedsfeier zu gestalten, die einmalig ist, unverwechselbar und nicht ersetzbar, so wie ein Menschenleben.
Solche Feiern würden Vorwürfe widerlegen, die weltliche Bestattung sei ein Ausdruck des Kultur- und Werteverfalls in der Gesellschaft, ein Ausdruck von Entritualisierung. Natürlich sind Rituale umstritten und besonders wir Humanisten tun uns schwer mit ihnen, wenn man definitionsgemäß vom Ritual als der Ordnung liturgischen Brauchtums in den Kirchen ausgeht. Doch die Kultur- und Gesellschaftswissenschaft hat einen zeitgemäßen Ritualbegriff hervorgebracht: Danach werden fast alle menschlichen Verhaltensweisen, alles was der Alltagsbewältigung dient, immer wiederkehrende Handlungen und das, was man Umgangsformen nennt, als Ritual bezeichnet.
Das Zelebrieren dieser Rituale läuft nicht bei jedem Menschen gleich ab. Die Rituale sind geprägt von der Persönlichkeit des Einzelnen, seinem Charakter, seiner Art zu leben, seinen Eigenarten, seinem sozialen Umfeld, seinen Möglichkeiten. In Künstlerkreisen lebt man anders als im bürgerlichen Milieu, in Städten anders als in Dörfern.
Wenn wir also in diesem Sinne Rituale, gemeinsame Handlungen, Zeremonien oder, ganz allgemein gesagt, etwas Besonderes an den Marken eines Lebens gestalten wollen, muss es aus dem Leben erwachsen sein. Ein persönliches Ritual, nicht aufgesetzt, nicht theatralisch oder gar esoterisch umwabert. Ein Ritual, das nicht nur zum Toten, sondern auch zu den Hinterbliebenen passt, mit dem sie umgehen können, was nicht geniert oder peinlich ist. Denn nichts ist quälender als ein Ritual, eine Handlung die aufgezwungen oder lustlos absolviert wird.
Welche Möglichkeiten haben wir, haben an einer Bestattung beteiligte Personen und Gewerke, auf die individuelle Gestaltung von Abschiedsfeiern Einfluss zu nehmen, sie mit Kunden und Klienten schon im Vorfeld (bei Abschluss einer Patientenverfügung, einer Bestattungsvorsorge oder während der Hospizbegleitung) oder später mit den Angehörigen zu besprechen und woran kann die Umsetzung in der Praxis scheitern?Die wichtigste, weil in der Regel erste Anlaufstelle nach dem Tod eines Angehörigen ist das Bestattungsinstitut. Der Bestatter/die Bestatterin befinden sich in der besten Position, um auf individuellere Möglichkeiten als die übliche Trauerfeier aufmerksam zu machen. Sie können hinweisen auf die Sargdesignerin, die Wünsche malerisch umsetzt, die Floristin, die selbst die exotischsten Blumen in der kältesten Jahreszeit besorgt, die Musiker, die mit dem Didgeridoo an die Urlaubszeit erinnern oder den Bildhauer und Steinmetz, der mit der personengebundenen Gestaltung des Grabmals ein ganz besonderes Zeichen setzt. Dann erst kommen der Trauerredner/die Trauerrednerin zum Zug. Sie haben bei ihrem ersten Kontakt mit den Hinterbliebenen (der Hausbesuch liegt ja meist erst kurz vor der Feier) kaum noch eine Chance, Besonderes im Ablauf der Feier anzusprechen: Blumen und Orgelmusik sind bestellt, man möchte ungern etwas ändern, die knapp bemessene Zeit in der Feierhalle ist gebucht, die Miete ohnehin so teuer, dass eine Verlängerung, die eine aufwendigere Zeremonie mit Kerzen, Steinen oder anderen Requisiten der Erinnerung mit sich bringen könnte, nicht in Frage kommt.
Eine Statistik besagt, dass 70% der Bestattungen sogar ohne Trauerfeier stattfinden. Unter anderem eben auch, weil man sich mit dem durch die Zeit reglementierten Ablauf nicht identifizieren kann. Und das ist keineswegs nur ein Phänomen weltlicher Bestattungen.
Kurioser Weise ist selbst die städtische Feierhalle durch Architektur, Möblierung und Symbole christlich geprägt und ihre Nutzung lässt so manche - nicht nur ungewöhnliche - Idee nicht zu. Das beginnt und endet bei weitem noch nicht an den strengen Zeitvorgaben. Wünscht man eine andere Sitzordnung, sind die Bankreihen fest montiert. Beisetzungen erfolgen grundsätzlich nach den Arbeitszeiten des Öffentlichen Dienstes. Ein Friedhof setzt Urnen nur dienstags, ein anderer nur donnerstags bei. Sonnabends - selten bis aussichtslos, in der Dämmerung: haben wir nicht!
Und so werden Rituale/Handlungen formalisiert und in ein Raster gepresst, das in den vorgegebenen 30-Minuten-Takt passt:
Kaum hat man den Friedhof betreten, ich spreche jetzt aus der Sicht eines Trauergastes, werden einem die mitgebrachten Blumen und Kränze schon aus den Händen genommen. Man lässt es geschehen, weil es alle geschehen lassen und hat doch ein so ungutes Gefühl dabei, mit leeren Händen dazustehen. Auch aus anderen Kulturen weiß man, das den Toten immer Geschenke mitgebracht werden. Entsprechend den verschiedenen Glaubensvorstellungen sind es Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel, Schmuck, auch Geldscheine werden auf den Toten gelegt, aber immer sind es Blumen, die gebracht werden, weil Blumen in jeder Kultur eine ganz besondere Sprache sprechen: durch die Form ihrer Blüten, ihre Farbe und ihren Symbolgehalt, der sich schon über viele Generationen hinweg hält.
Für einen Freund der Familie hat mir die Floristin, nachdem sie sich genau über die Person, für die die Blumen bestimmt sein sollten, informiert hat, einen wunderschönen Kranz gefertigt. Der konnte aus oben genannten Gründen leider nicht von mir selbst in der Feierhalle vor dem Sarg abgelegt werden. Nun gut, dachte ich, aber beim Auszug. Nichts da. Alle Blumen wurden auf einen Wagen geladen und ... weg. Am Grab selbst befand sich nur der obligatorische Behälter mit Erde. Der Wagen mit den Blumen stand achtlos einige Meter entfernt.
Das passiert mir nicht nochmal ! - Dachte ich. Bei der nächsten Beerdigung, der Ehemann einer Kollegin war gestorben, ein Mitglied unseres Verbandes, wollte ich es anders machen. Der offizielle Kranz vom Verband, kein herkömmlicher, nicht wagenradgroß, nicht mit schwarzer Schleife und Golddruck, sondern aus immergrünen Ranken, in einer Fläche aus weißen Nelkenköpfen unser Logo aus Lavendelblüten. Zusätzlich nahm ich noch eine extra Blüte mit. Den Kranz gab ich wie gewünscht ab, die Blüte nicht. Ich wurde immer wieder erneut aufgefordert, die Blume abzugeben. Und als ich dann mitbekam, das niemand außer mir noch irgend etwas Blühendes in der Hand hatte, gab ich die Blume ab, einfach auch aus dem Gefühl heraus, das es mir nicht zusteht, als einzige eine Rose nachzuwerfen - ich war nur die Vertreterin unseres Verbandes, eine Kollegin seiner Ehefrau. Das gäbe in diesem Zusammenhang ein ganz falsches Bild.
Der Kranz selber wurde so lieblos vor den Sarg drapiert, dass das Logo verrutschte, es nichts mehr zu erkennen gab und anwesende Kollegen mit hinterher zu verstehen gaben, lieber schwarze Trauerschleifen mit Logo auf Halde zu legen und die im Bedarfsfall zu benutzen. Das hätte sich doch noch immer bewährt!
Komme ich als Trauerrednerin auf eine Beerdigung und gebe mich als Gelegenheitsrednerin zu erkennen, werde ich mit absoluter Sicherheit darauf hingewiesen, dass ich auf keinen Fall zu lange reden darf. Selbst dann, wie letztens in Potsdam, wenn meine Trauerfeier die einzige ist, die an diesem Tag stattfindet, keine vorher, keine nachher. Was wäre daran tragisch, die Feier in solchem Fall um fünf Minuten zu überziehen? 10 Minuten Rede, 10 Minuten Musik und Lyrik, einen Moment des Innehaltens und des Raumgebens zum Abschied nehmen nach eigenem Glauben und Gutdünken, Ein- und Auszug - da bleibt keine Zeit für ein gemeinsame Handlung mit Kerzen zum Beispiel. Das nimmt Zeit in Anspruch, weil es für die Anwesenden neu und ungewöhnlich ist und irgendwie - so fatal es auch klingen mag - Mut erfordert.
Und dann bringt diese Formalisierung von Ritualen auch eine merkwürdige Verselbständigung mit sich. Immer wieder frage ich mich: Wer autorisiert Urnen- und Sargträger, während der Feier das Wort zu ergreifen? Wer gibt ihnen das Recht laut hinein in die Stille zu rufen: „Nehmen Sie die Blumen auf und bilden Sie eine Gasse für den Urnenträger"? Wer erlaubt ihnen, ein „Ruhe sanft", „Ruhe aus in Frieden" oder gar „In Gottes Namen" zu sprechen?
Die Unzufriedenheit, die Hinterbliebene manchmal, andere, weniger betroffene Gäste öfter nach einer Beisetzung fühlen, hat nicht nur mit dem Ablauf der Bestattungsfeierlichkeiten an sich zu tun, sondern auch damit, dass sie kaum in die Vorbereitung und Durchführung einbezogen werden. Ein wichtiger Aspekt der Trauerarbeit ist doch, aktiv am Abschiedszeremoniell mitwirken zu können: Traueranzeigen selbst gestalten, Fotos, Briefe, Erinnerungsstücke zusammentragen, eine Collage anfertigen, Totenwäsche selber nähen, den Sarg bemalen oder bemalen lassen .. Sie werden diese Aufzählung endlos erweitern können.
Wenn jeder Trauergast seine Blumen selbst vor dem Sarg oder vor der Urne ablegt, sie selbst zum Grab trägt, um bei meinem ganz einfachen Beispiel zu bleiben, wäre das schon eine solche kleine gemeinsame Handlung, in dem Sinne: dem Toten einen letzten Dienst zu erweisen und damit auch etwas für sich zu tun. Welch schönes Gefühl, einen Kranz gemeinsam zu winden, einen Steinkreis zu legen, weiße Tauben aufsteigen zu lassen oder einen Baum zu pflanzen. Leider erlaubt die deutsche Friedhofsordnung hier auch nur Gewächse, die andere Gräber und übrige Flächen nicht beeinträchtigen.
Wann werden wir uns Europa öffnen? Üppige Stauden auf Gräber pflanzen, wild wuchernde Friedhofsgärten blühen lassen, Friedwälder anlegen oder die Urne auf eigenem Grund und Boden beisetzen? Wann werden wir wieder Grabmäler errichten, die auch für kommende Generationen eine beredte Sprache sprechen, damit nicht allein anonyme, nüchterne Grabfelder die Verdrängung des Todes dokumentieren und industriell gefertigte Grabsteine nur wenig ausdrucksvolle Aussagen über die Verstorbenen machen?
Die Trauerfeier setzt einen Schlusspunkt. Sie ist das letzte von einem Menschen, das in Erinnerung bleibt. Da muss alles stimmen: die Dekoration, die Musik, die Auswahl des Instrumentes, jedes Wort und jedes Detail. Es muss erkennbar sein, von wem gerade Abschied genommen wird, so wie bei unserer Marion. Das ist unser Anspruch! Und das ist die Freiheit, die wir uns wünschen!
Regina Malskies (Humanistischer Verband Deutschland, Landesverband Berlin)Marion lag in einem schlichten Brückensarg, dessen Wölbung mit etwas Fantasie als Abfahrtspiste betrachtet werden, aber auch für das Auf und Ab des Lebens stehen kann. Die Sargdecke aus weißen Alpenveilchen und so genanntem Gärtnertod, blauem Rittersporn, Koniferen, Blautanne und immergrünen Ranken stellte die Landschaft dar, die Marion so liebte. Ihre Skistöcke waren darin eingearbeitet. Skier und Skistiefel standen an einer Blumenampel, deren weiße Chrysanthemenköpfe tief herab hingen und an schneebedeckte Berghänge erinnerten. Statt schwerer Kandelaber wurden viele Teelichte auf dem Sarg und um ihn herum verteilt.
Eine großformatige Fotocollage mit Bildern von Marion - bei der Abfahrt, beim Langlauf, auf dem Snowboard, in gemütlicher Runde bei Jagatee und Glühwein - war hinter dem Sarg angebracht. Der Sarg selbst stand inmitten der Trauergäste, als Zeichen dafür, das der Tod zum Leben gehört. Auch sollte Marion nicht abseits stehen, isoliert von ihren Freunden, die ja gekommen waren, um von ihr Abschied zu nehmen, sich in der Gemeinschaft geborgen zu fühlen und sich so miteinander zu trösten.
Nach einer kurzen Ansprache erzählte jeder Anwesende selbst eine kleine Geschichte über gemeinsam Erlebtes und Erfahrenes, erinnerte sich ihrer Lebensfreude und ihres Frohsinns, aber auch ihrer Sorgen und traurigen Momente. Es wurde über alles gesprochen, auch über Enttäuschungen. Briefe und Tagebucheintragungen wurden gelesen, ein paar Fotos, vergilbte Eintrittskarten mitgebracht - Mosaiksteine eines Menschenlebens, ein Kaleidoskop, das Marion noch mal aufleben ließ, ihre Lebenseinstellungen nahe brachte, bestehende Missverständnisse klärte, Eindrücke vertiefte. Dabei kamen sich Menschen näher, die sich vorher nicht kannten, die aber, dadurch dass sie mit Marion verbunden waren, wenn auch in unterschiedlichen Lebensabschnitten, ein gewisses Gefühl von Zusammengehörigkeit spürten. Marions Lieblingsmusik wurde gespielt und in Erinnerung an die vielen schönen Stunden mit ihr in urigen Skihütten trank man zum Abschied - natürlich - ein Glas Jagatee.
Der Raum war dekoriert mit hundert gasgefüllten weißen Luftballons. Anstelle eines Kondolenzbuches lagen kleine Zettelchen aus, auf die jeder Gast einen Gedanken, einen Abschiedsgruß, eine bleibende Erinnerung oder auch einen Wunsch schrieb. Diesen Zettel befestigte er dann an einem Luftballon. Am Grab ließ man die Ballons in die Lüfte empor steigen, als gemeinsame Handlung, als Symbol des Loslassenmüssens.
Statt Erde wurden weiße Blütenblätter übers Grab gestreut. Als Erinnerung an die Feier nahm jeder Gast ein gestaltetes Programmheft mit nach Hause. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wo diese Zeremonie statt fand. In welcher städtischen Feierhalle man die Erlaubnis für das Umstellen des Mobiliars hatte, Zeit für das Füllen von hundert Luftballons und die aufwendige Dekoration? Wo man die Muße hatte, nach der Rede Erinnerungen auszutauschen, ohne dabei mit Blick auf die Uhr zu wissen, dass mit jeder begonnenen halben Stunde wieder 300 EUR fällig werden?
Diese eben beschriebene Feier war eine fiktive Feier, inszeniert vom Humanistischen Verband auf Einladung eines Bestattungsunternehmens anlässlich der Eröffnung seines Hauses der Begegnung. Wir haben in dieser Fiktion umgesetzt, was wir uns beim letzten Adieu für einen jeden Menschen wünschen: Eine Abschiedsfeier zu gestalten, die einmalig ist, unverwechselbar und nicht ersetzbar, so wie ein Menschenleben.
Solche Feiern würden Vorwürfe widerlegen, die weltliche Bestattung sei ein Ausdruck des Kultur- und Werteverfalls in der Gesellschaft, ein Ausdruck von Entritualisierung. Natürlich sind Rituale umstritten und besonders wir Humanisten tun uns schwer mit ihnen, wenn man definitionsgemäß vom Ritual als der Ordnung liturgischen Brauchtums in den Kirchen ausgeht. Doch die Kultur- und Gesellschaftswissenschaft hat einen zeitgemäßen Ritualbegriff hervorgebracht: Danach werden fast alle menschlichen Verhaltensweisen, alles was der Alltagsbewältigung dient, immer wiederkehrende Handlungen und das, was man Umgangsformen nennt, als Ritual bezeichnet.
Das Zelebrieren dieser Rituale läuft nicht bei jedem Menschen gleich ab. Die Rituale sind geprägt von der Persönlichkeit des Einzelnen, seinem Charakter, seiner Art zu leben, seinen Eigenarten, seinem sozialen Umfeld, seinen Möglichkeiten. In Künstlerkreisen lebt man anders als im bürgerlichen Milieu, in Städten anders als in Dörfern.
Wenn wir also in diesem Sinne Rituale, gemeinsame Handlungen, Zeremonien oder, ganz allgemein gesagt, etwas Besonderes an den Marken eines Lebens gestalten wollen, muss es aus dem Leben erwachsen sein. Ein persönliches Ritual, nicht aufgesetzt, nicht theatralisch oder gar esoterisch umwabert. Ein Ritual, das nicht nur zum Toten, sondern auch zu den Hinterbliebenen passt, mit dem sie umgehen können, was nicht geniert oder peinlich ist. Denn nichts ist quälender als ein Ritual, eine Handlung die aufgezwungen oder lustlos absolviert wird.
Welche Möglichkeiten haben wir, haben an einer Bestattung beteiligte Personen und Gewerke, auf die individuelle Gestaltung von Abschiedsfeiern Einfluss zu nehmen, sie mit Kunden und Klienten schon im Vorfeld (bei Abschluss einer Patientenverfügung, einer Bestattungsvorsorge oder während der Hospizbegleitung) oder später mit den Angehörigen zu besprechen und woran kann die Umsetzung in der Praxis scheitern?Die wichtigste, weil in der Regel erste Anlaufstelle nach dem Tod eines Angehörigen ist das Bestattungsinstitut. Der Bestatter/die Bestatterin befinden sich in der besten Position, um auf individuellere Möglichkeiten als die übliche Trauerfeier aufmerksam zu machen. Sie können hinweisen auf die Sargdesignerin, die Wünsche malerisch umsetzt, die Floristin, die selbst die exotischsten Blumen in der kältesten Jahreszeit besorgt, die Musiker, die mit dem Didgeridoo an die Urlaubszeit erinnern oder den Bildhauer und Steinmetz, der mit der personengebundenen Gestaltung des Grabmals ein ganz besonderes Zeichen setzt. Dann erst kommen der Trauerredner/die Trauerrednerin zum Zug. Sie haben bei ihrem ersten Kontakt mit den Hinterbliebenen (der Hausbesuch liegt ja meist erst kurz vor der Feier) kaum noch eine Chance, Besonderes im Ablauf der Feier anzusprechen: Blumen und Orgelmusik sind bestellt, man möchte ungern etwas ändern, die knapp bemessene Zeit in der Feierhalle ist gebucht, die Miete ohnehin so teuer, dass eine Verlängerung, die eine aufwendigere Zeremonie mit Kerzen, Steinen oder anderen Requisiten der Erinnerung mit sich bringen könnte, nicht in Frage kommt.
Eine Statistik besagt, dass 70% der Bestattungen sogar ohne Trauerfeier stattfinden. Unter anderem eben auch, weil man sich mit dem durch die Zeit reglementierten Ablauf nicht identifizieren kann. Und das ist keineswegs nur ein Phänomen weltlicher Bestattungen.
Kurioser Weise ist selbst die städtische Feierhalle durch Architektur, Möblierung und Symbole christlich geprägt und ihre Nutzung lässt so manche - nicht nur ungewöhnliche - Idee nicht zu. Das beginnt und endet bei weitem noch nicht an den strengen Zeitvorgaben. Wünscht man eine andere Sitzordnung, sind die Bankreihen fest montiert. Beisetzungen erfolgen grundsätzlich nach den Arbeitszeiten des Öffentlichen Dienstes. Ein Friedhof setzt Urnen nur dienstags, ein anderer nur donnerstags bei. Sonnabends - selten bis aussichtslos, in der Dämmerung: haben wir nicht!
Und so werden Rituale/Handlungen formalisiert und in ein Raster gepresst, das in den vorgegebenen 30-Minuten-Takt passt:
Kaum hat man den Friedhof betreten, ich spreche jetzt aus der Sicht eines Trauergastes, werden einem die mitgebrachten Blumen und Kränze schon aus den Händen genommen. Man lässt es geschehen, weil es alle geschehen lassen und hat doch ein so ungutes Gefühl dabei, mit leeren Händen dazustehen. Auch aus anderen Kulturen weiß man, das den Toten immer Geschenke mitgebracht werden. Entsprechend den verschiedenen Glaubensvorstellungen sind es Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel, Schmuck, auch Geldscheine werden auf den Toten gelegt, aber immer sind es Blumen, die gebracht werden, weil Blumen in jeder Kultur eine ganz besondere Sprache sprechen: durch die Form ihrer Blüten, ihre Farbe und ihren Symbolgehalt, der sich schon über viele Generationen hinweg hält.
Für einen Freund der Familie hat mir die Floristin, nachdem sie sich genau über die Person, für die die Blumen bestimmt sein sollten, informiert hat, einen wunderschönen Kranz gefertigt. Der konnte aus oben genannten Gründen leider nicht von mir selbst in der Feierhalle vor dem Sarg abgelegt werden. Nun gut, dachte ich, aber beim Auszug. Nichts da. Alle Blumen wurden auf einen Wagen geladen und ... weg. Am Grab selbst befand sich nur der obligatorische Behälter mit Erde. Der Wagen mit den Blumen stand achtlos einige Meter entfernt.
Das passiert mir nicht nochmal ! - Dachte ich. Bei der nächsten Beerdigung, der Ehemann einer Kollegin war gestorben, ein Mitglied unseres Verbandes, wollte ich es anders machen. Der offizielle Kranz vom Verband, kein herkömmlicher, nicht wagenradgroß, nicht mit schwarzer Schleife und Golddruck, sondern aus immergrünen Ranken, in einer Fläche aus weißen Nelkenköpfen unser Logo aus Lavendelblüten. Zusätzlich nahm ich noch eine extra Blüte mit. Den Kranz gab ich wie gewünscht ab, die Blüte nicht. Ich wurde immer wieder erneut aufgefordert, die Blume abzugeben. Und als ich dann mitbekam, das niemand außer mir noch irgend etwas Blühendes in der Hand hatte, gab ich die Blume ab, einfach auch aus dem Gefühl heraus, das es mir nicht zusteht, als einzige eine Rose nachzuwerfen - ich war nur die Vertreterin unseres Verbandes, eine Kollegin seiner Ehefrau. Das gäbe in diesem Zusammenhang ein ganz falsches Bild.
Der Kranz selber wurde so lieblos vor den Sarg drapiert, dass das Logo verrutschte, es nichts mehr zu erkennen gab und anwesende Kollegen mit hinterher zu verstehen gaben, lieber schwarze Trauerschleifen mit Logo auf Halde zu legen und die im Bedarfsfall zu benutzen. Das hätte sich doch noch immer bewährt!
Komme ich als Trauerrednerin auf eine Beerdigung und gebe mich als Gelegenheitsrednerin zu erkennen, werde ich mit absoluter Sicherheit darauf hingewiesen, dass ich auf keinen Fall zu lange reden darf. Selbst dann, wie letztens in Potsdam, wenn meine Trauerfeier die einzige ist, die an diesem Tag stattfindet, keine vorher, keine nachher. Was wäre daran tragisch, die Feier in solchem Fall um fünf Minuten zu überziehen? 10 Minuten Rede, 10 Minuten Musik und Lyrik, einen Moment des Innehaltens und des Raumgebens zum Abschied nehmen nach eigenem Glauben und Gutdünken, Ein- und Auszug - da bleibt keine Zeit für ein gemeinsame Handlung mit Kerzen zum Beispiel. Das nimmt Zeit in Anspruch, weil es für die Anwesenden neu und ungewöhnlich ist und irgendwie - so fatal es auch klingen mag - Mut erfordert.
Und dann bringt diese Formalisierung von Ritualen auch eine merkwürdige Verselbständigung mit sich. Immer wieder frage ich mich: Wer autorisiert Urnen- und Sargträger, während der Feier das Wort zu ergreifen? Wer gibt ihnen das Recht laut hinein in die Stille zu rufen: „Nehmen Sie die Blumen auf und bilden Sie eine Gasse für den Urnenträger"? Wer erlaubt ihnen, ein „Ruhe sanft", „Ruhe aus in Frieden" oder gar „In Gottes Namen" zu sprechen?
Die Unzufriedenheit, die Hinterbliebene manchmal, andere, weniger betroffene Gäste öfter nach einer Beisetzung fühlen, hat nicht nur mit dem Ablauf der Bestattungsfeierlichkeiten an sich zu tun, sondern auch damit, dass sie kaum in die Vorbereitung und Durchführung einbezogen werden. Ein wichtiger Aspekt der Trauerarbeit ist doch, aktiv am Abschiedszeremoniell mitwirken zu können: Traueranzeigen selbst gestalten, Fotos, Briefe, Erinnerungsstücke zusammentragen, eine Collage anfertigen, Totenwäsche selber nähen, den Sarg bemalen oder bemalen lassen .. Sie werden diese Aufzählung endlos erweitern können.
Wenn jeder Trauergast seine Blumen selbst vor dem Sarg oder vor der Urne ablegt, sie selbst zum Grab trägt, um bei meinem ganz einfachen Beispiel zu bleiben, wäre das schon eine solche kleine gemeinsame Handlung, in dem Sinne: dem Toten einen letzten Dienst zu erweisen und damit auch etwas für sich zu tun. Welch schönes Gefühl, einen Kranz gemeinsam zu winden, einen Steinkreis zu legen, weiße Tauben aufsteigen zu lassen oder einen Baum zu pflanzen. Leider erlaubt die deutsche Friedhofsordnung hier auch nur Gewächse, die andere Gräber und übrige Flächen nicht beeinträchtigen.
Wann werden wir uns Europa öffnen? Üppige Stauden auf Gräber pflanzen, wild wuchernde Friedhofsgärten blühen lassen, Friedwälder anlegen oder die Urne auf eigenem Grund und Boden beisetzen? Wann werden wir wieder Grabmäler errichten, die auch für kommende Generationen eine beredte Sprache sprechen, damit nicht allein anonyme, nüchterne Grabfelder die Verdrängung des Todes dokumentieren und industriell gefertigte Grabsteine nur wenig ausdrucksvolle Aussagen über die Verstorbenen machen?
Die Trauerfeier setzt einen Schlusspunkt. Sie ist das letzte von einem Menschen, das in Erinnerung bleibt. Da muss alles stimmen: die Dekoration, die Musik, die Auswahl des Instrumentes, jedes Wort und jedes Detail. Es muss erkennbar sein, von wem gerade Abschied genommen wird, so wie bei unserer Marion. Das ist unser Anspruch! Und das ist die Freiheit, die wir uns wünschen!



